Im Ursprünglichen Spiel finden wir die gleiche Qualität der Berührung: Kein Festhalten, kein Ergreifen - „just right“. Diese Art des Berührens unterscheidet sich grundlegend davon, wie wir sonst im Alltag berühren: Dort berühren wir, um auf Dinge einzuwirken, um sie zu bewegen, um etwas zu halten oder zu kontrollieren. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen „Spiel-Berührung“ („play touch“) und „absichtsvoller Berührung“ („functional touch“).

Wer einmal mit einem kleinen Kind an der Hand gegangen ist, hat sich vielleicht auch schon darüber gewundert, dass diese Hand so ganz anders gegeben wurde als man es erwartet hat - irgendwie nicht richtig. Viele Erwachsene fordern dann auch ganz selbstverständlich dazu auf: „Gib mir die Hand doch einmal richtig.“ Hier treffen in den beiden Händen zwei unterschiedliche Betriebssysteme aufeinander, zwei grundverschiedene Arten, wie der Körper bewegt wird. Der Unterschied beider Programme ist dabei buchstäblich greifbar.

Das Betriebssystem Erwachsener beruht auf Kontrolle: Unsere Vorstellungen bewegen uns. Die Bewegungen sind absichtsvoll und zielgerichtet. Wir steuern unseren Körper, indem wir kontrollieren, wann welches Körperteil an welchem Ort ist und auf welchen Bahnen das geschieht. Die Vorstellung führt. Der Körper führt aus. Das Ergebnis wird überprüft und gegebenenfalls verbessert.

Wir nehmen ein Baby intuitiv anders auf den Arm als eine Puppe. Nicht zu fest, aber auch nicht zu lose - gerade richtig, „just right“. Wir lehnen es sanft gegen unserem Oberkörper und legen unsere Hand wie eine Decke auf seinen Rücken, statt es zu ergreifen und festzuhalten wie eine Puppe. Wir spüren, dass dieses lebendige Wesen fühlt, wie wir es berühren und anfassen. Wir ahnen, dass Berührung mehr ist als nur ein Halten. Es ist eine stille Kommunikation, die vermitteln kann: „Du bist hier sicher. Sei unbesorgt.“

Bevor wir die Fähigkeit zu willkürlicher Bewegung erwerben, steuert ein anderes Betriebssystem den Körper: Die Muskeln dienen hier nicht so sehr als ausführende Steuerelemente, sondern als Fühler, als Antennen für die Welt. Bewegung entsteht als Ergebnis der permanenten Abstimmung des eigenen Körpers auf die Körper der Umgebung. Kleinere Massen (Gegenstände) werden bewegt, größere Massen (Boden) werden genutzt, um sich selber fortzubewegen. Bewegung ist das Nebenprodukt dieses ständigen Abstimmungsprozesses. Vorstellungen, die die Bewegung steuern könnten, existieren noch nicht. Im Bewegen begegnen wir staunend der Welt, stimmen uns auf sie ab und erleben dabei uns selbst und unseren Platz in der Welt. Für Kinder ist alles Spiel - unbestimmt und voller Überraschungen.

Jedes Betriebssystem steuert den Körper unterschiedlich an und erschafft“ dabei gleichsam einen anderen Körper: einen weichen, offenen, aufnahmebereiten und gelösten Körper oder einen abgegrenzten, festen, kontrollierten Körper. Tonus, Haut-widerstand, Reaktionsvermögen, Gelenkspielräume - es gibt eine Vielzahl physiologischer Parameter, in denen sich der Unterschied beider Betriebssysteme abbildet. Darum können Kinder auch unmittelbar fühlen und unterscheiden, ob jemand spielt oder nicht. Es ist, als würden wir mit einer kleinen Katze spielen. Einmal hat sie die Krallen eingezogen und einmal aus-gefahren. Es ist vollkommen offensichtlich, wann die Katze mit uns spielt und wann nicht. Ebenso offensichtlich ist, wann wir sicher sind und sorglos sein können, weil alles, (nur) Spiel ist.

Muttersprache des Lebens

  1. Weil die Muskulatur nicht willkürlich innerviert wird, ist sie gelöst und weich. Es taucht im Spiel keinerlei Härte auf.

  2. Die Bewegungen sind rund und fließend. Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen kann, entstehen erst im absichtsvollen Bewegen. Daher gibt es im Spiel kein Anecken.

  3. Das Bewegen ist im Spiel offen und nicht festgelegt. Es verfolgt kein Ziel. Auf Überraschungen reagiert es unmittelbar. Unvorhergesehenes nimmt es auf, statt damit zusammenzustoßen oder dagegen anzukämpfen.

  4. Bewegen, das aufeinander abgestimmt ist („just right“), kann nicht überwältigen. Stärke und Überlegenheit kennt Ursprüngliches Spiel nicht.

  5. Staunen und Neugier führen zu einer freundlich, annehmenden Zuwendung, die nichts verbessern will und alles so sein lässt, wie es ist.

Alles zusammen vermitteln diese Qualitäten die unausgesprochene, aber spürbare Botschaft von Ursprünglichem Spiel: „Du bist liebenswert. Es gibt nichts zu befürchten.“


Egal wie kunstfertig sich ein Erwachsener bewegt, solange sein Bewegen absichtsvoll ist, lässt sich die Sicherheit, die dem Ursprünglichen Spiel inhärent ist und die die Kinder fühlen, nicht erreichen. So passiert es beim Toben oder Rangeln immer wieder, dass es dann doch „zu doll“ oder „zu wild“ wird und sich ein Kind verletzt oder weh tut oder weint.


Ursprüngliches Spiel aber kann nicht eskalieren - es ist „just right“, gerade richtig.

Die Verwirrung der Erwachsenen beginnt dort, wo mit „Spiel“ auch Tätigkeiten bezeichnet werden, die absichtsvoll sind - und das sind eigentlich alle Verwendungen des Wortes „Spiel“, die wir kennen. So ist der maßgebliche Unterschied aufgehoben und unsichtbar geworden: welches Betriebssystem steuert den Körper und welcher Körper begegnet der Welt?


Kleine Kinder berühren die Welt anders. Sie benutzen ihren Körper anders. Sie bewegen ihn nicht als ein Objekt kontrolliert an einen Ort. Sie bewegen sich offen, mit einer empfangsbereiten (und damit weichen) Oberfläche auf die Welt zu und wenden sich allem zu, was sie umgibt. Wir sehen das und finden es niedlich, aber wir verstehen nicht, dass sie etwas ganz anderes tun als wir. Wir halten es für unbeholfen und tapsig und können nicht erkennen, welche Sicherheit dieses Bewegen garantiert:

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